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Elternabend: Psychosexuelle Entwicklung

2012-02-13 20:00

Am 13. Februar 2012  fand im Pfarrsaal der Rosenkranz- Basilika für die Kita-Eltern ein Informationsabend zum Thema Psychosexuelle Entwicklung / Sexualerziehung statt. Als Referenten konnte Frau Dickhut Herrn Prof. Dr. Jörg Maywald gewinnen, der bereits zuvor einen Fortbildungstag zu diesem Thema für das Kita-Team mit großem Erfolg durchgeführt hatte. Herr Dr. Maywald ist Professor an der Fachhochschule Potsdam, Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind sowie Mitbegründer des Berliner Kinderschutzzentrums.

Zielgruppe waren Eltern von Kindern im Alter von 0 Jahren bis zum Schuleintritt. Mit Spannung und großem Interesse erwarteten ca. 35 Eltern sowie alle Kita-Erzieherinnen den Referenten.

Prof. Maywald ging im Verlauf seines Vortrags im Wesentlichen auf das Begriffsverständnis von Sexualität und psychosexueller Entwicklung sowie kurz (zeitbedingt) auf das Thema Prävention sexuellen Missbrauchs ein. Der Referent kündigte frühzeitig an, auch die Zuhörenden aktiv in die Auseinandersetzung mit den genannten Themenbereichen einbinden zu wollen. Dies geschah anhand vorgegebener Fragestellungen und führte insgesamt dazu, dass neben der Weitergabe von Informationen auch ein reger Meinungsaustausch stattfand und zu einem sehr gelungenen Abend beitrug.

An den Anfang seiner Ausführungen stellte Prof. Maywald seine Freude darüber, dass das Thema Sexualität überhaupt im Rahmen eines Elternabends aufgegriffen wird, was seinen Erfahrungen nach nicht selbstverständlich ist. Wir und unsere Kinder werden heutzutage zwar allerorten (z.B. in den Medien) mit dem Thema konfrontiert, woraus aber nicht zwangsläufig ein größeres Wissen und ein verantwortungsvollerer Umgang mit Sexualität resultieren, gemäß einem Zitat von Jens Uwe Rogge: „Aufgeklärt, aber ahnungslos". Gerade die Fülle und offen dargestellte Flut von Abbildungen und Filmszenen erfordert seitens der Eltern und Fachkräfte in pädagogischen Einrichtungen ein hohes Maß an Kompetenz, Feinfühligkeit und guter Beobachtungsgabe, um Kinder sensibel in ihrer sexuellen Entwicklung begleiten zu können.

 

Im Folgenden sollen einige wesentliche Kernaussagen des Vortrags hervorgehoben werden:

Gegenüber dem eher geläufigeren Begriff der Sexualerziehung wird heute von sexueller Bildung gesprochen, was inhaltlich nicht gleichbedeutend ist. Bildungsprozesse sind Selbstbildungs-Prozesse und implizieren eine aktive Auseinandersetzung mit der Umwelt. Der Bildungsbegriff sieht das Kind im Mittelpunkt, seine Bemühungen, die Welt, seinen Körper sowie soziale Gefüge zu erkunden und zu gestalten. Erziehung geht immer von den Erwachsenen aus und umfasst vorbereitete und gesteuerte Lernprozesse.

Ziele sexueller Bildung sind u.a. der Aufbau von Selbstkonzept und Selbstwertgefühl des Kindes. D.h., der Begriff der Sexualität und der psychosexuellen Entwicklung müssen sehr weit gefasst werden. Sexualität darf keineswegs auf genitale Bedürfnisbefriedigung reduziert werden, wie es z.B. überwiegend in den Medien geschieht. Auch Eltern und andere Erwachsene assoziieren beim Begriff Sexualität im Zusammenhang mit Kindern häufig die Beschäftigung mit den Geschlechtsorganen und weiterführende Betätigungen damit.

Prof. Maywald stellte klar, dass die psychosexuelle Entwicklung zwingend zur gesamten Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen dazu gehört und ganzheitlich betrachtet werden muss. Zitat dazu. "Sexualität ist als Lebensenergie mit allen Facetten menschlichen Seins verbunden."

In diesem Zusammenhang benutzte er den Begriff der „Körperlust". Uns allen sind zahlreiche Situationen bekannt, in denen sich Säuglinge, Kleinkinder und auch noch etwas ältere Kinder lustvoll mit sich selbst, Gegenständen oder Körperteilen beschäftigen. Über diese Auseinandersetzung entdecken sie sich nach und nach selbst, sie lernen Unterschiede kennen zu anderen Menschen, entwickeln eine Geschlechtsidentität und -zugehörigkeit, wobei noch zwischen biologischer und sozialer Perspektive (engl. unterschieden in „sex" und „gender") differenziert wurde. Auch Selbstbefriedigung beispielsweise gehört zur psychosexuellen Entwicklung dazu.

Spannend und leicht kontrovers wurden die ausgearbeiteten Fragen in den Kleingruppen diskutiert. Inhaltlich ging es z.B. um Doktorspiele und mögliche Regeln, Grenzen der Nähe für Erzieherinnen und explizit für Erzieher, Umgang mit vermuteten sexuellen Übergriffen (sexuelle Handlungen unter Kindern bis 14 Jahren). Diese und weitere Fragen konnten angesichts der Zeit nur oberflächlich andiskutiert werden. Sie sollen aber im Rahmen noch folgender Elternabende bzw. Gesprächsrunden in den Kitagruppen fortgesetzt werden. Auch konzeptionell wird die Auseinandersetzung mit dem Thema Sexualität in absehbarer Zeit ihre Verankerung finden.

Im Zusammenhang mit dem Thema sexuellen Missbrauchs (das nur sehr kurz angerissen werden konnte) machte Prof. Maywald einen kleinen Exkurs

zur gegenwärtigen politischen Diskussion, bei der es darum geht, zusätzlich zu den Menschenrechten eigene Kinderrechte zu formulieren, ähnlich der UN-Kinderrechtskonvention.

 

Insgesamt erlebten alle Beteiligten einen sehr engagierten und fesselnden Referenten, dem man problemlos gut 2 Stunden zuhören konnte. Infolge der  

kurzen, aber intensiven Diskussionen verlief der Abend sehr lebendig und anregend. Es gelang Prof. Maywald hervorragend, wissenschaftliche Erkenntnisse knapp und präzise zu vermitteln, veränderte Blickwinkel aufzuzeigen und Impulse für weiterführende Gespräche zu setzen. Vielen Dank dafür!

 

Sabina Rooß (Kita-Mutter)

 

 

Beiträge zu den oben genannten Themen sind zu finden in der Fachzeitschrift

„Frühe Kindheit", Heft 3/2010, mit dem Themenschwerpunkt „Psychosexuelle Entwicklung" (Hrsg.: Deutsche Liga für das Kind).

 

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