Der Mann der Stolpersteine

2014-05-04 12:34

BERLIN - „Einsetzen könnte ich inzwischen sogar im Dunkeln“, sagt Gunter Demnig. Zehntausende Stolpersteine hat der Künstler aus Köln mittlerweile zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialimus verlegt. Routine ist die Arbeit für ihn dennoch nicht: „Jede Verlegung ist anders, jeder Stein steht für ein einzelnes Schicksal“, sagt Demnig. Seine Berlin-Tour durch Steglitz und Lichterfelde führte den „Mann der Stolpersteine“ vorigen Samstagvormittag an sehr unterschiedliche Orte – und zu Kindern einer katholischen Kindertagesstätte.

Pünklich um 9 Uhr ist Demnig in der Lichterfelder Finckensteinallee 90, wo an Albert Friedländer und seine Tochter Jula gedacht wird. Ende der 1930er Jahre hatten beide noch versucht, nach Südafrika zu emigrieren. Vergeblich: 1941 wurden sie nach Lodz/Litzmannstadt deportiert und ermordet. Gunter Demnig holt das Werkzeug aus dem Kofferraum. Ohne großes Aufsehen macht sich der gebürtige Berliner an seine Arbeit: Er geht in die Knie und greift zu Hammer und Meißel, um das Kopfsteinpflaster zu lösen. Nicht einmal eine Viertelstunde braucht er, dann sind die Austauschsteine mit gravierter Messingtafel passgenau verlegt. Ein Nachbar verliest das, was man über „die Friedländers" in Erfahrung bringen konnte: „Dr. Albert Friedländer war Chemiker..."

 

Doch Demnig muss schon weiter: den Stein für Betty Johanna Kierski verlegen. Die getaufte Jüdin lebte in der Kommandantenstraße 9, im Rotherstift, ehemals ein „Versorgungsinstitut für unverheiratete Töchter verstorbener Staatsdiener“. Konfirmanden der benachbarten Johannes-Kirchengemeinde haben sich mit ihrer Geschichte auseinandergesetzt und einen fiktiven Tagebucheintrag vorbereitet. Es ist eine tragische Biografie, die im Selbstmord endete. „Hier wohnte Betty Johanna Kierski, JG. 1863, unfreiwillig verzogen nach Charlottenburg 1939, gedemütigt und entrechtet, Flucht in den Tod, 26.9.1942“, lautet die Inschrift des Gedenksteins.

 

An die 46 000 Steine hat Demnig schon verlegt – in 17 Ländern Europas, 944 Orte allein in Deutschland. Anfangs hätten ihm die Verwaltungen zwar „häufig Stolpersteine in den Weg gelegt“, erinnert er sich. „Die ersten Steine in den 1990ern waren ja ohne Genehmigung, also illegal.“ Mittlerweile sei das Projekt aber „gesellschaftlich weitgehend angekommen“, sagt er, auch wenn er in München etwa nach wie vor nicht verlegen darf.

 

Als Demnig 9:40 Uhr den Amfortasweg 17 in Steglitz erreicht, wird er schon erwartet. Neben Nachbarn und Anwohnern haben sich auffällig viele Kinder versammelt, über ein Dutzend Vier- bis Fünfjährige sind es. „Da kommt der Mann mit den Stolpersteinen“, ruft eines der Kinder. Für die Gedenksteine für Frida Will und ihre Mutter Henriette haben Erzieherinnen und Eltern der katholischen Rosenkranz-Kindertagesstätte in Steglitz die dafür nötigen 120 Euro gesammelt. Das war ein Abschiedswunsch der Erzieherin Silke Glückstein, die in eine andere Einrichtung wechselt.

 

Einige der von ihr betreuten Schützlinge sind immer wieder auf Stolpersteine im Straßenbild aufmerksam geworden. „Liebe Kinder, ihr habt neugierige Fragen gestellt – und wir Erwachsene haben versucht, euch Antworten zu geben. Das Schöne ist, dass ihr in einem Zuhause und in einer Kita groß werdet, wo Erwachsene die Haltung und den Mut haben, Antworten zu geben – auch zu schwierigen Themen“, sagt Glückstein bei der Verlegung. „Frida und Henriette Will wurden als Jüdinnen verfolgt und ermordert. Ob sie sich in ihrer Verzweiflung an Gott gewandt haben?“, fährt sie fort und verliest Verse von Psalm 94. Auf Wunsch der Kinder wird anschließend gemeinsam gebetet: "Vater unser im Himmel..." Dann zünden die Kinder mit ihren Eltern Kerzen an, legen Blumen ab. "Ihr werdet euch später bestimmt einmal erinnern", gibt Glückstein ihnen auf den Weg.

 

Nach den Verlegungen in der Teltowkanalstraße für Elsa Wöllner und am Stadtpark für Ida Johanna Singer fährt Demnig weiter in die Albrechtstraße. Vor dem Haus mit der Nummer 38 sind bereits mehrere Gedenksteine eingelassen. Die für Elfriede und Ludwig Blumenthal wurden im Herbst verlegt. Durch die Unterstützung der evangelischen Markus-Kirchengemeinde konnte die Enkelin der beiden, Esther Glik, jetzt zur Verlegung eines Steins für Rosalie Herbst zum ersten Mal von Israel nach Berlin reisen. „Über Rosalie ist kaum etwas bekannt, außer dass sie im selben Haus wie meine Großeltern lebte“, sagt die 71-Jährige gerührt. „Ich fühle mich jetzt vollständig“, erklärt sie. Wenn Angehörige dabei sind, ist das Verlegen besonders bewegend, manchmal aber auch beklemmend", findet Demnig. „Das ist keine Routine für mich." Bis zur Mittagspause ist es nun nicht mehr lang hin. Doch schon am Nachmittag muss er weiter. Dann werden Stolpersteine in Kreuzberg und Neukölln verlegt.

Christian Soyke

aus: Katholische SonntagsZeitung vom 3./4. Mai 2014

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